Globalisation – Räuber oder Samariter?
Der barmherzige Samariter wollte sich selbst rechtfertigen und sprach 
zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, 
jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.  Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?
Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm:
So geh hin und tu desgleichen!

Lukas 10, 29-37



„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Laut Jesus ist dies das höchste Gebot, doch die Globalisierung, ein von Christ(inn)en angeführter Prozess, genügt diesem Gebot nicht. Habt ihr euch je gefragt, wer euch der Nächste ist? Den Prinzipien der Globalisierung zufolge sind es der Kakaoproduzent in Ghana und der zwölfjährige Junge in Pakistan, der für einen Hungerlohn Designerkleider zusammennäht.

Globalisierung bedeutet die Integration von Märkten für Waren und Dienstleistungen gleichermaßen. Einerseits vereint die Globalisierung die Welt und sorgt für neue Dimensionen des Wohlstands, andererseits erzeugt sie größere soziale Ungleichheiten, die wiederum für weitere soziale Missstände sorgen.

Auf lokaler Ebene werden wir von der Werbung genötigt, Schokolade zu kaufen, von deren Preis nur ein Bruchteil als Gewinn an den Kakaoproduzenten geht. Wir tragen Markenklamotten, um cool zu wirken und angepasst zu sein, und sorgen so auch untereinander für soziale Trennlinien.

Auf internationaler Ebene sorgen ungerechte, von Regierungsapparaten wie der EU entworfene Handelsabkommen dafür, dass die Kakaoproduzenten ihre Preise nicht selbst bestimmen können. Genauso lassen sich die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter(innen) am ehesten als Sklaverei bezeichnen.

Indem wir bestimmte Produkte kaufen, verschlimmern wir diesen Prozess; ist das Nächstenliebe?

Als eine große Gemeinschaft mit einem internationalen System, das schätzungsweise die Innen- und Außenpolitik jedes Staates beeinflusst, führt sie zum Verlust der Selbstbestimmung für die einzelnen Staaten und legt die Entscheidungsgewalt in die Hände einzelner, mächtiger Staaten und Bünde, wie der EU und regierungsfremder Organisationen.

Für die Erosion einer organisierten Gesellschaft ist der Irak das beste Beispiel. Der 11. September und globaler Terrorismus sind Reaktionen auf die Folgen der Globalisierung und sind Beispiele für gewaltsamen Protest durch Selbstmordattentate und Massenbombardement.

Erkennt ihr also eure(n) Nachbar(i)n oder hat die Globalisierung ihn/sie zu dem gemacht, was er/sie laut Vorurteilen sowieso ist; der/die Selbstmordattentäter(in) ohne Grund? Oder hasst ihr die vorgeschriebene Definition eure(r)s Nächsten? Flüchtlinge  sind das Ergebnis von Armut und Krieg. In der EU werden sie als Plage angesehen, also werden ihnen ihre Menschrechte entzogen. Doch eigentlich suchen sie nur nach Stabilität, Sicherheit und Frieden, einige der Grundwerte, für die Globalisierung angeblich steht.

Die Ironie daran ist, dass Globalisierung unser Bild des/der Nächsten verzerrt und verhindert, dass wir ihn/sie als solche(n) anerkennen. Da die Globalisierung uns näher an unsere Nachbar(inne)n bringt, ist die Zeit für die EU gekommen, als barmherziger Samariter zu erstrahlen; denn unsere Nächsten sind unsere Opfer, es sind Afrika, Asien, Südamerika und die Karibik.

Winnie